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Produktion mit Mini Budget

Interview mit Bernd Burgdorf, Grammy nominierter Produzent und Dozent am SAE Institute

Live ist für Artists mittlerweile die wichtigste Einnahmequelle. Warum dann überhaupt noch in Produktionen investieren?

Unabhängig davon, ob man anfangs damit Geld verdienen kann, will man oft einfach einen guten Tonträger erstellen, denn die aufgenommene Musik repräsentiert ja den Künstler. Du definierst dich ja auch durch dieses Kreativ-Produkt. Dazu dient es auch als Promotional Tool. Der Künstler wird ernster wahrgenommen, wenn Recordings verfügbar sind; sie machen ihn sichtbar. Und auch die Aufnahmen selbst können später durchaus einen Kernbestandteil des Geschäfts ausmachen. Solange du als Musiker live Geld verdienst, ist das schon mal gut. Die Musik als Produkt selbst dient am Anfang oft nur als sogenannter „loss leader“ - der Promotion des eigentlichen Live- und Merchandising-Geschäfts.

Was macht eine gute Aufnahme aus?

Eine gute Aufnahme fängt den Spirit, die Energie des Künstlers ein. Die Magie entsteht in erster Linie durch die Musikalität und das Material; und zweitrangig dann natürlich auch durch die Produktion. Das Aufnehmen ist elementarer Bestandteil des künstlerischen Prozesses. Um letztlich mit der Aufnahme zufrieden zu sein, gehört, dass Tempi, Tonhöhe, Arrangement und Vibe in Ruhe vorher analysiert und optimiert werden. Wenn solche Paramenter im Studio aus dem Ruder laufen, kann das sehr ärgerlich sein.

Wie läuft möglichst wenig aus dem Ruder?

Generell gilt: Nimm dir Zeit und bereite dich gut vor. Fahre eine Vorproduktion. Du hast außerdem einen Vorteil, wenn du in einem Raum arbeitest, in dem du dich wohl fühlst; wo die Kreativ-Chemie stimmt, wo es "brennt". Wo das ist, musst du für dich herausfinden. Manche fühlen sich erst wohl, wenn sie eine riesige Mixing Konsole gesehen haben und brauchen die freudige Motivation, zusammen in ein professionelles Studio aufzubrechen. Nicht wenige bekommen aber in der ungewohnten Atmosphäre dann den sogenannten Studio-Schock, unter dem dann oft die Performances leiden. Hier kann dann auch der eigene Proberaum der bessere Aufnahmeort sein: Wo sich in der Ecke das Pfandgut stapelt, es entsprechend vertraut riecht und man ohne Berührungsängste in Saiten und Tasten hauen kann. Eine andere Möglichkeit ist, mit dem Laptop alles Schicht für Schicht nachzubauen und zu programmieren. Ich kenne Leute, die sogar Hard Rock mit Laptop und Kopfhörer so in Schichten zusammenschrauben. Aber will man das? Klar ist: es ist viel, viel einsame Arbeit vor dem Bildschirm.

Meine Band hat, wie fast alle, nicht viel Budget. Wie kann ich sparen?

Fragt euch, was ihr selber machen könnt, was ihr habt und wo ihr Hilfe braucht. Geld kostet vieles. Wenn man das nicht ausgeben möchte, dann muss man es selber machen. Je weniger Budget du hast, desto mehr musst du entweder selbst professionell informiert sein oder dir Informationen bei den Profis einholen. Sich im Netz zu bilden, ist keine schlechte Idee, wenn man sich die richtigen Kanäle aussucht. Noch besser ist es natürlich, wenn du einen professionellen Berater an deiner Seite hast, dem du vertraust. Der kann dich retten, wenn du falsch abbiegst.

Wie bleibe ich auf der richtigen Spur?

Wichtig ist, dass man den Spaß an der Sache nicht verliert. Teilt darum die Aufgaben bandintern sinnvoll auf. Wenn nur eine Person arbeitet und die anderen feiern, kann das Spannungen erzeugen. Wenn du die Arbeitsschritte beim Rekorden ein bisschen kennst, kannst du viel selbst machen. Legt einen Fahrplan fest: Was sind die Basics? Was mache ich am besten als Overdubs? Eine Aufnahme klingt nie komplett fertig, bevor sie nicht gemischt und gemastert ist. In guter Qualität zu mischen ist nicht so einfach. Im Mix fallen auch viele ästhetische Entscheidungen und Mastern ist heutzutage so günstig, dass es eigentlich keinen Sinn macht, das selber zu tun. Diese Schritte würde ich, wenn möglich, Profis überlassen.

Mit Hilfe von Außen kann man sich viel Druck nehmen. Bei kleinem Budgets empfehle ich dir also die Kombination aus DIY und professioneller Beratung. Viele fitte Experten sind über solche Engagements dankbar, wenn sie eine Band, die viel selber macht, begleiten können. Achte dann darauf, dass es menschlich harmoniert, bevor ihr ein ganzes Album zusammen macht und das gesamte Budget ausgebt.

Wo fang ich an?

Die Basics-Aufnahme ist der Grundstein der ganzen Produktion. Wenn man es schafft, die Energie der Live-Performance einzufangen, hat man viel gewonnen. Das geht evtl. auch im Proberaum. Dafür sind der richtige Aufbau, Recording Gear, Methode und Setup wichtig. Das kann einen riesen hörbaren Unterschied für die Aufnahme machen. Zeig dem Profi, was du vorhast, der kann dann helfen, korrigieren und optimieren. Gerade bei den Schlagzeugaufnahmen kann es gerne teuer und kompliziert werden. Um Drums trotzdem kostengünstig im Proberaum aufnehmen zu können, kann man z.B. die Glyn Jones Aufnahmetechnik nutzen. Hier braucht man nur zwei hochauflösende Mikros - etwa zwei günstige Kondensator- oder Bändchenmikrofone. Dann sind wir bei 2-300€ für 2 Mikros. Dann braucht man noch 2 dynamische Mics, sowie nur 4 Mikrofonverstärker. Das Schlagzeug selbst muss natürlich auch gut klingen. Hinterher können, das machen die meisten Mischer und Producer, einfach noch passende Drum Samples dazu getriggert werden - also zumindest auf Kick und Snare. Das ist kein großes Ding. Bass und Gitarre kann man gegebenenfalls mit entsprechenden Amp-Simulatoren direkt über D.I. aufnehmen, wenn man akustische Trennung bei Live Recordings in einem einzigen Raum wünscht, und danach re-ampen. Manche Sachen können komisch wirken, wenn man sie vorher nicht mal ausprobiert hat. Der Basser ist z.B. gewohnt, dass alles vibriert, wenn er spielt. Auf Kopfhörern vibriert nichts. Übt das also vorher! Wenn man mal alles aufgebaut und eingerichtet hat, braucht man quasi einfach nur noch auf Aufnahme zu drücken und zusammen die Basics einspielen. Andere wollen alles via Overdubs ganz sauber Stück für Stück im Grid aufbauen. Das ist dann eine andere Herangehensweise.

Was ist mit dem Gesang?

Gute Vocal Performances sind nicht immer leicht aufzunehmen. Vocals müssen gut klingen, sie müssen emotional und kreativ das ausdrücken, was der Künstler sich wünscht. Du brauchst jemanden, der hilft, es auf Kopfhörern gut klingen zu lassen. Es darf keine Latenz geben und man muss genügend komprimieren, dass der Sänger die Möglichkeit hat, zu spielen. Nicht mehr das Mikrofon in der Hand zu halten und sich dann nur per Kopfhörer zu hören, ist für viele Sänger sehr ungewohnt. Je wohler sich der Sänger fühlt, desto besser wird die Performance. Auch ist es schwer, gut zu singen, wenn der Sound nicht inspiriert. Und dann ist es auch noch mal eine Kunst, wie man aus den verschiedenen Takes eine Master Performance herausputzt. Da gibt es enorme Möglichkeiten, was man mit Nachbearbeitung aus den Vocals herausholen kann. Wir haben uns komplett daran gewöhnt, dass fast alles, was wir hören, stark nachgestimmt ist. Was kostet also so eine kleine Version von Melodyne oder Autotune? Das muss man sich dann doch mal vielleicht anschaffen.

Das klingt aber traurig.

Vielleicht, ja. Auf der anderen Seite, hör dir die Hits aus der Zeit an, wo es diese Art der Korrektur nicht gab. Da wird nach unserer heutigen Sensibilität, auch mal ordentlich schief gesungen. Ja, und nur manchmal ist das auch gut so. Aber ich würde sagen: Don't blame the tool - blame the user! Man kann den Nachstimmgrad ja so einstellen, dass man das gar nicht hört. Es soll sich ja einfach nur großartig anhören. Und auch das ist eine Geschmacksfrage. Wenn die Vocals gut klingen, klingt meist alles besser.

Wenn ich doch ins Studio möchte, wie komme ich hier mit wenig Budget weiter?

Die Basics im Studio aufnehmen, Overdubs aber in den eigenen Räumen, wäre da eine passende Möglichkeit. Die Preise für Aufnahmestudios sind generell niedrig. Es ist kaum zu glauben, was man heute alles tolles für sein Mietgeld bekommt. Studios brutal runter zu handeln, würde ich nicht empfehlen. Stattdessen würde ich eher Informationen einholen, üben und gut planen, so dass man weniger Zeit braucht und sich freuen kann, dass man in einem so tollen Tonstudio für relativ wenig Geld unterwegs ist. Last but not least, ein professionelles Tonstudio ist ja auch eine gute Social Media Opportunity, mit meist wesentlich attraktiverem optischen Ambiente als der Proberaum.

Was rätst du, um möglichst wenig Zeit zu verlieren?

Viel proben und sich erstmal auf die Basics konzentrieren. Du solltest für ein gesamtes Album, um die Basics einzuspielen, mindestens drei oder vier Tage rechnen. Fünf wären noch besser. Einen Tag für Aufbau, Getting Sounds, Kopfhörermixe, so dass man am nächsten Tag entspannt am Start ist. Und wenn man davon ausgeht, dass ein Album 10 Songs haben soll, dann nimmt man ja vielleicht gleich 12 oder 13 auf, weil es immer schöner ist, aus mehr Material das beste auswählen zu können. Manche schaffen auch alles an 2 Tagen. Es darf aber nicht stressig werden. Drei bis vier Tage sollte man sich schon gönnen, denke ich. Overdubs sind dann normalerweise immer das Zeitgrab. Das ist gar nicht negativ gemeint. Es ist ja nicht so, dass es sich rächt, wenn man lange an den Vocals arbeitet und die dann auch toll klingen.

Wie geht es mit den fertigen Aufnahmen weiter?

Bevor du jemand anders mischen lassen kannst, solltest du selbst Rough Mixes erstellen. Das ist meist Bedingung und ein echter Timesaver. Keiner mischt, ohne vorher vom Künstler einen Rough Mix gehört zu haben. So vermittelst du dem Mixer grob deine Vorstellung: die Gitarre links, Vocals trocken, usw. Den Rest kann man dialogisch abstimmen und dann legt der Mixer mal eine Version vor. Die ist meistens auch nicht in Stein gemeißelt. Normal ist, dass es dann noch kleine Updates gibt.

Was spricht denn deiner Ansicht nach für ein professionelles Studioumfeld?

Es ging ja um ein Mini Budget: Da kommt man mit DIY plus Profiberatung schon recht weit. Aber richtige Studioakustik, ein Studio-Drumset und Multi Mic Setup haben natürlich ihre klanglichen und operativen Vorteile. Im Studio steht alles parat: Technik, Instrumente, Beratung, Fachpersonal, Full Service und es klingt toll. Da braucht man sich nur noch auf seine Performance zu konzentrieren. Psychologisch ist das natürlich anders, als wenn du gleichzeitig irgendwelche Lampen beobachten musst, ob genügend Pegel ankommt usw. Bei DIY muss man einfach sagen: Es ist unglaublich viel Arbeit, alles selber zu machen. Und dann verliert man oftmals die Lust und streitet sich eventuell noch in der Band und das braucht natürlich keiner. So ein bisschen Service zu haben, ist schon angenehm. Wenn man geeint als Band ins Studio geht und sagt “Kommt, heute geht's los!” - dann ist das tolle Energie. Es sollte Spaß machen, ein Album aufzunehmen. Dass es trotzdem viel Arbeit ist, wissen wir. Und ob diese ganze Computer-Editiererei was für einen selbst ist, das muss jeder für sich entscheiden.

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