Neben Giganten mehr Raum zum Atmen

Marie Hoffmann vom Berliner Label NordPath im Interview

gigmit: NordPath Records wurde 2018 in Berlin gegründet, um Live Performer Artists zu kuratieren, die unerschlossene Wege der elektronischen Live-Musik beschreiten. Dabei spiegeln eure Acts den multinationalen Charakter der Berliner Musikszene und ihre vielfältigen Ansätze der Klangkreation wider. Ihr organisiert zudem Gigs und Showcases. Wie ist dein Verhältnis zu Musikindustrie?

Marie Hoffmann: Die Musikindustrie ist in erster Linie eine Industrie, die ihre Methoden perfektioniert hat. Vom Scouting der Acts, über Mitbestimmung bei der Produktion, der Distribution bis hin zum Marketing. Hinter den Kulissen wird es kalt und berechnend. Die Kriterien der Großen, einen Act aufzubauen unterscheiden sich von unseren.

Worin besteht der Unterschied?

Auch wenn es eine Schnittmenge an Konsumenten gibt, um die wir werben, so sind wir von verschiedenen Polen. Wir sind klein und idealistisch. Die Zugpferde der großen Labels haben nichts mit Musik als Kunstform zu tun. Melodien und Texte werden nach Verständlichkeit und Annehmbarkeit hin optimiert. Sendeplätze werden en masse gekauft, so dass sich die Lieder einbrennen können. Hör dir mal “Mein Freund der Baum” von Alexandra an und vergleiche die Lyrics mit denen aktueller Radiohits. Aktionen, die als Handreichung zu nicht-etablierten Künstlern oder Labels interpretiert werden könnten, dienen letztlich nur dazu, den Pool an Rekruten zu vergrößern. Entscheidungsprozesse in großen Unternehmen gehen über so viele Etagen, dass es gar nicht möglich ist, riskant zu agieren oder gar Künstler zu veröffentlichen, von denen man weiß, dass die Interessentengruppe vernichtend gering ist. Wir aber wollen das machen. Wir sehen uns als Kuratoren, müssen aber den Spagat zwischen Finanzierbarkeit und künstlerischem Anspruch hinbekommen.

Warum hast du bei LMAB teilgenommen?

Weil ich will, dass sich das Label halten kann – trotz des künstlerischen Anspruchs. Ich komme aus einem anderen Bereich, aus der IT und der Forschung, wo keine sozialen Medien genutzt werden. Ich möchte aber wissen, wie ich mein Klientel erreichen kann. Meine Mitstreiter bei NordPath haben andere Nationalitäten und wissen noch weniger als ich über die Marktsituation in Deutschland. Außerdem sprechen sie kein Deutsch. Das Material, das die ag-prop in der LMAB Academy präsentiert hat, fasst relevante Artikel und statistische Erhebungen zusammen. Ich hätte keine Nerv gehabt, sie selbst zusammenzusuchen. Mir hätte auch der Zugang gefehlt. Diese Informationen waren äußerst aufschlussreich und geben mir mehr Sicherheit und Rückendeckung in der Diskussionen mit meinen Mitstreitern.

Was hat LMAB mit dir gemacht?

Es beschleunigt den Prozess der Selbstfindung. Was unterscheidet uns eigentlich von anderen Labels? Was macht uns Besonders? Was können wir gut, was gar nicht? Das ist wichtig, denn wenn sich das Label nach drei Jahren noch nicht etabliert hat und keine schwarzen Zahlen schreibt, werden seine Gründer den beruflichen Fokus verändern. Es bestimmt also über das Überleben. Laut Resident Advisor gibt es mehrere Tausend Labels, die allein Berlin zugeordnet sind. Nicht alle sind als Business registriert, aber grundsätzlich gibt es zahlreiche Labels auf genau unserem Niveau. Die Herausforderung besteht darin, sich von dieser Masse abzuheben, etwas Selbsttragendes aufzubauen.

Neben dem Know-How hat LMAB auch Mediabudget für die Umsetzung von digitaler Konzertwerbung bereitgestellt. Wie sieht deine Erkenntnis dahingehend aus?

Ein Aha-Moment war zu sehen, dass Leute unglaublich begeistert von dem Niveau und Inhalt der letzten beiden Konzerte im Badehaus und Arkaoda waren. Wir wissen jetzt, dass es gut ist, was wir machen. Aber auch, dass wir momentan nicht die Leute erreichen, für die das interessant ist. Insbesondere die Altersgruppe ab 25 ist nicht mehr jeden Tag auf Facebook oder Instagram. Es ist wichtig mehr als ein Monat im Voraus mit der Promotion anzufangen. In dem Zusammenhang war auch neu für mich zu erfahren, dass bis eine Kaufentscheidung getroffen wird, mehr als ein halbes Dutzend Quellen zu Rate gezogen werden. In dem Punkt sind wir äußerst schwach. Es fehlen Kontakte zu Radiostationen, Blogs, Zeitschriften, kaum Bewegung auf Instagram, keine Nutzung von Twitter, und so weiter… Eine weitere Einsicht: das, was ich mit Hilfer der sozialen Medien tun müsste, will ich nicht tun.

Was wäre das?

Ständiges Posten, Aktualisieren von Content, Selfies oder Shots von dem, was wir gerade tun. Auf lange Sicht brauchen wir jemanden, der genau diesen Job macht und auf ein einheitliches, konsistentes Erscheinungsbild in Bezug auf Design, Sprache, Schriftarten, usw. achtet. Ich bin immer interessiert an Plattformen, die einem einen Teil dieser Arbeit abnehmen.

Welche deiner Alltagsaufgaben nerven dich am Meisten?

Content zu erzeugen, der stetig über die Kanäle verteilt wird. Verhandlungen mit Venues und Künstlern. Die Mitstreiter davon zu überzeugen, organisierter zu handeln. Es fängt an mit dem Einhalten von Meetings und internen Deadlines und geht damit weiter, rechtzeitig mit Planungen zu beginnen oder konkret Dokumente statt per Mail auf einem Server zu teilen, der von allen erreichbar ist.

Inwieweit nützen dabei digitale Tools wie gigmit?

Der gigmit One-Pager, die Artist-Page, die automatisch aktualisiert wird, ist sehr sinnvoll. Wir haben gigmit für mein Solo- oder Bandprojekt bisher noch nicht genutzt, weil die Plattform nur Sinn macht, wenn man eine Internetpräsenz aufgebaut hat. Sie ist das einzige, was unbekannte Entscheider von einem wahrnehmen. Bedingung hierfür ist wenigstens ein Release, bzw. Audiomaterial, das ordentlich aufgenommen und gemischt worden ist und Live-Videos. Es hat sich einiges in diesem Jahr angesammelt und nach dem Release wollen wir evtl. sogar einen Promoter anheuern. Ich werde das Profil meiner Band auf gigmit aktualisieren.

Danke, dass ich aufgenommen worden bin in die LMAB-Workshops. Vielleicht war es noch ein wenig früh. Ich werde das Mediabudget nicht ausschöpfen können, da größere Venues auch harte Verhandlungspartner sind. Andererseits ist es wichtig, dass wir möglichst schnell unseren Weg finden und keine roten Zahlen mehr schreiben.

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